RaumordnungZunehmender Trend von Tiny Häusern

14. März 2022
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Mündliche Frage von Herrn Charles Servaty an Minister Antonios Antoniadis

Zum zunehmenden Trend der Anfragen zur Errichtung von Tiny Häusern

In den vergangenen Jahren und Monaten verzeichnen die lokalen Bauämter der Gemeinden in der Deutschsprachigen Gemeinschaft einen deutlich zunehmenden Trend der Anfragen zur Errichtung von sogenannten Tiny Häusern. Dabei beziehen sich derlei Anfragen sowohl auf eher punktuelle, zum Beispiel touristische, Wohnformen als auch auf das dauerhafte Bewohnen solcher Gebäude.
Die Verwendung des Begriffs „Gebäude“ soll in diesem Zusammenhang von Beginn an deutlich machen, dass die spürbare Erhöhung der urbanistischen Genehmigungen für solche Bauten unweigerlich einen mehrfachen und spürbaren Einfluss auf das unmittelbare Umfeld der jeweiligen Standorte hätte. Sowohl raumordnerisch, urbanistisch und nicht zuletzt auch die Auswirkungen auf das Zusammenleben der Menschen an besagten Standorten betreffend. Dabei sei präzisiert, dass diese Auswirkungen sowohl die gegebenenfalls zu genehmigenden Standorte als auch deren externes Umfeld betrifft. Hinzugefügt sei, dass die Anzahl der eventuell zu genehmigenden Tiny House – Wohneinheiten in diesem Kontext nicht das alleinige und auch nicht unbedingt das (vor)entscheidende Kriterium ist.

Hierzu lauten meine Fragen:

  • Können Sie den diesbezüglich zunehmenden Trend bestätigen?
  • Welchen Standpunkt vertritt die Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft in dieser Angelegenheit?
  • Wie stellen sich gegebenenfalls die konkreten Rahmenbedingungen dar?

Antwort des Ministers
Ziel der dritten Phase der Raumordnungsreform ist es, eine Vision für die Raumplanung und Raumordnung in der Deutschsprachigen Gemeinschaft zu erarbeiten. An der Entwicklung dieser Raumstrategie arbeiten zahlreiche Experten und Akteure vom
Terrain. Darüber hinaus ist geplant, dass die breite Bevölkerung in die Überlegungen einbezogen wird.

Die WFG nimmt an der Entwicklung der Raumstrategie der Regierung teil.
Dort bringen sie die Erfahrungswerte ihrer Arbeit ein. Ich bin mir daher sicher, dass sie dies auch mit den Ergebnissen des besagten Projekts machen werden. Zum Projekt selbst kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht viel sagen, da die Deutschsprachige Gemeinschaft im Vorfeld nicht einbezogen wurde.

Es ist sicherlich wünschenswert, dass eine Sensibilisierung für mehr Wohnqualität sowie den Flächenverbrauch von Wohnraum betrieben wird.
Diese Kampagne entspricht somit dem Geist anderer Kampagnen, die durchgeführt wurden und werden.

Derartige Überlegungen werden im Rahmen der Entwicklung der Raumstrategie gemacht und auch die Arbeitsgruppe Wohnungswesen hat sich mit diesen Themen befasst.

Neben der Sensibilisierung wird im Rahmen des Reformprozesses auch die Frage zu beantworten sein, welche Vorgaben für den Umbau, Anbau und Neubau von Wohnungen und Häusern gemacht werden müssen.

Es gilt auf der einen Seite, möglichst vielen Menschen Zugang zu bezahlbarem Wohnraum zu ermöglichen. Dieser Wohnraum muss gesund und angepasst auf die Bedürfnisse der Menschen sein. Andererseits gilt es, einen exzessiven Flächenverbrauch zu vermeiden.

Ich habe allerdings bereits klargestellt, dass es mit uns keinen Baustopp geben wird.
Die Antwort wird somit in der Mitte zu suchen sein.
Einen eindeutigen Trend zu überdimensionierten Wohnungen und Häusern kann ich nicht erkennen. Sicherlich gibt es viele Häuser im ländlichen Raum, die aufgrund des verfügbaren Raumes großzügiger gebaut wurden.

Man findet aber genauso gut genug Beispiele von Projekten, die platzsparend und energieeffizient umgesetzt werden. Ich denke, dass der Preisanstieg für Baumaterial und Baustellen langfristig Einfluss auf die Größe der Projekte haben wird.

Was den veränderten Bedarf der Menschen an Wohnraum angeht, so ist auch dieser Gegenstand der Arbeiten der Raumstrategie sowie der Empfehlungen der AG Wohnungswesen.
Aktuell wird in diesem Ausschuss unser Vorschlag für die Reform der Raumordnung besprochen.
In diesem Rahmen werden Maßnahmen besprochen, die auf dieses Thema eingehen.
Zudem sollen auch die Verbindungen zum Wohnungswesen besprochen werden.

Wenn es um angepassten Wohnraum geht, dann fällt in letzter Zeit immer wieder der Begriff des Tiny-Hauses.
Die Gemeinden und auch unsere Verwaltung erhalten immer mehr Anfragen zu dieser Wohnform.
Der Grundgedanke wenig Raum zu nutzen, ist sicherlich lobenswert.

Aber ob das Modell der Tiny-Häuser eine Antwort für die Zukunft sein kann, kann man nicht pauschal mit Ja beantworten.

Unsere Verwaltung macht zurzeit eine Analyse zu Tiny-Haus-Modellen. Diese Arbeit ist noch nicht abgeschlossen.
Dennoch stellt sich heraus, dass in den meisten Fällen Tiny-Häuser betreffend Nachhaltigkeit und Flächenverbrauch weniger vorteilhaft sind als Appartementgebäude oder Wohnhäuser.

Das dauerhafte Wohnen von Menschen in Immobilien benötigt gewisse technische Anforderungen an Isolierung, Haustechnik, Kanalisation, Gebäudeenergieeffizienz usw. Tiny-Häuser stellen keine Ausnahme zu dieser Regelung dar.

„Tiny-Häuser“ als separates architektonisches Konzept gibt es nicht; es sind lediglich „kleine Häuser“, also müssen sie auch mit den wichtigen Auflagen der Raumordnung und des Umweltschutzes übereinstimmen.

Tiny-Häuser nehmen mehr Nutz- sowie versiegelte Fläche pro Person in Anspruch als konventionelle Unterkünfte. Wer Fläche sparen möchte, muss kompakt und in die Höhe bauen.

Letzteres wird nicht von Tiny-Häusern ermöglicht.

Wegen dieses ungünstigen Flächenverbrauchs pro Person ermöglichen Tiny-Häuser auch keine intelligente Verdichtung in den Dorf- und Stadtzentren. Tiny-Häuser würden am Dorfende oder gar am Waldesrand dann aus demselben Grund der Flächenkleinheit nur zur
Zersiedlung beitragen.

Auch in Puncto Baukultur gibt es Nachteile. Ein alleinstehendes Tiny-Haus kann sich aufgrund seines minimal kleinen und eingeschossigen Hauptvolumens nicht in einen bestehenden Kontext oder Straßenzug integrieren.

Eine Faustregel im Bauwesen lautet: Um energieeffizient zu sein, soll möglichst voluminös gebaut werden. Dementsprechend sind große Gebäude aus energetischer Sicht vorteilhafter als Tiny-Häuser, da die letzteren mehr Wärme wegen ihrer Kleinheit verlieren.

Tiny-Häuser verbrauchen proportional betrachtet auch mehr Material als gewöhnliche Bauformen. Die resultierende Frage bezüglich des Materials muss auch gestellt werden: Wie langlebig sind Tiny-Häuser? Wie die Antwort auch sein mag: Man kann davon ausgehen, dass Tiny-Häuser nicht die gleiche Lebensdauer vorweisen können wie Einfamilienhäuser oder Appartementhäuser. Vor allem, weil sie meistens mobil sind, also auf Rädern, wie Bauwagen. Dabei werden sie mit günstigeren und minderwertigeren
Materialien gebaut.

Jedenfalls ist festzuhalten, dass ein Tiny-Haus auf einem freien Grundstück, das zu mehr Wohndichte genutzt werden könnte, keine Alternative (Wohnform) oder insbesondere ökologische Wohnform ist, wenn man die Lage ganzheitlich betrachtet.

Wie dem auch sei: Die konkreten Rahmenbedingungen sind diejenigen, die man für jeden üblichen Bau stellen muss: Integriert sich das Vorhaben in die Ortslage? Führt es zur Störung der Umgebung? Sind die technischen Voraussetzungen geschaffen? Und so weiter.

Sollten die Gemeinden Tiny-Häuser-Anträge pauschal ablehnen? Auch diese Frage lässt sich nicht mit Ja beantworten.
Denn das verkleinerte Volumen eines Tiny-Hauses kommt manchen Neben- oder Anbauvolumen gleich.
Daher muss in Erwägung gezogen werden, ob ein Tiny-Haus somit eventuell als Anbau oder sogar als Nebenvolumen eines Hauptvolumens akzeptiert werden kann. Das Tiny-Haus als solche funktionale Einheit (etwa im Sinne einer Dependance) zu einem Hauptgebäude würde möglicherweise eine annehmbare Wohnform darstellen.

Zum Beispiel könnten die Großeltern in solch einer kleinen Einheit wohnen, mit Bezug zum Rest der Familie.

Solche Varianten wären grundsätzlich denkbar, doch für die endgültige Umsetzung bräuchte die DG zuerst ein einheitliches Konzept.

Also muss man beantworten, wie, wo und unter welchen Bedingungen man Tiny-Häuser erlauben möchte. Bei künftigen Neubaugebieten könnte man eine solche Möglichkeit eventuell vorsehen.

Doch im Bestand muss die Vereinbarkeit mit der Nachbarschaft auch beachtet werden. Das Zusammenspiel zwischen Raumordnung und Wohnungswesen bleibt also bestehen.

Zum Schluss stellt sich teilweise die Frage nach einem touristischen Zweck von Tiny-Häusern.
Soll die DG Tiny-Häuser als anerkannte touristische Unterkunft anerkennen und somit die Diversifizierung der Einkünfte hervorrufen? Tiny-Häuser müssten dementsprechend in ein Konzept gesetzt werden, wie zum Beispiel ein Feriendorf.
Dies könnte ich mir gut vorstellen. Doch dafür müssten sich die Tiny-Häuser in einem Freizeitgebiet laut Sektorenplan befinde.